Eine Information
der AVIB gemn.e.V. (Verbraucherberatung)
Burgblick 3
35327 Ulrichstein
Tel.: 06645/918789

 

 

 

 

 

Generationenhilfe/Nachbarschaftshilfe/ Seniorengenossenschaft

Auszüge aus: http://www.gemeinsam-aktiv.de/mm/Handbuch_Generationenhilfen.pdf

Generationenhilfen/Nachbarschaftshilfen/Seniorengenossenschaften sind eigenständige Vereine ohne hierarchische Strukturen, wie sie oft große Verbände aufweisen. Sie können deshalb dem Wunsch vieler älterer Menschen besser entsprechen, bei wichtigen Fragen mitzubestimmen. Sie ermöglichen darüber hinaus, dass jeder einzelne selbst entscheidet, welche Hilfen er wann und wie lange anbietet.

Die Attraktivität macht sich auch daran fest, dass die Erfüllung der Aufgaben eine Vielzahl unterschiedlicher Fähigkeiten erfordert. So findet dort jede/r seinen/ihren Platz und kann sich mit vorhandenen Kenntnissen, Erfahrungen und Tatendrang einbringen.

Sie zeichnen sich durch ein Gemeinschaftsprinzip aus. Wer bei einer Generationenhilfe/Nachbar-schaftshilfe/Seniorengenossenschaft Hilfeleistungen abruft oder anbietet, wird meist automatisch Mitglied des Vereins. Was äußerlich wie „Zwang“ aussieht, wird erfahrungsgemäß eher positiv gewertet, weil alle in gleicher Weise eingebunden sind und das Gefühl von Gemeinschaft vermittelt wird. Dies wird auch unterstützt durch gemeinsame Freizeitaktivitäten, die so beliebt sind, dass sie von Jahr zu Jahr anwachsen.

Sie sind ein Ort der Solidarität zwischen den Generationen Auch wenn in Generationenhilfen/ Nachbarschaftshilfen/Seniorengenossenschaften in der Hauptsache ältere Menschen aktiv sind, so stehen sie doch allen Generationen offen. Viele bieten ihre Leistungen in Schulen, Kinder-tagesstätten und Jugendzentren an und fördern auf diese Weise den Austausch zwischen den Generationen. Dieser Dialog ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sehr be-deutsam, weil er eine Plattform für einen lebendigen Dialog zwischen den Generationen darstellt.

Sie sind am Gemeinwesen orientiert und lokal verankert Die Generationenhilfen/Nachbarschafts-hilfen/Seniorengenossenschaften machen schon im Namen deutlich, dass sie sich in ihrer Arbeit als Teil des Netzwerks in der Kommune sehen. Sie sind ein wichtiges Glied in der Kette, wenn es um den Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität von hilfs- und pflegebedürftigen Menschen geht. Oft sind Menschen auf Hilfen angewiesen, die professionelle Dienste nicht anbieten. Dazu gehören z.B. Begleitdienste zum Arzt oder zum Einkaufen, „einfachste Hausmeistertätigkeiten“ wie z.B. das Wechseln einer Glühbirne oder das Aufhängen eines gewaschenen Vorhangs. Auch die über die Pflegeversicherung finanzierte professionelle Versorgung durch Pflegedienste und haus-wirtschaftliche Hilfen ist zeitlich so gering bemessen, dass sie wenig für die Aufrechterhaltung des Kontaktes zur Außenwelt beiträgt.

Sie sind ein wichtiges Element gegen die Vereinsamung allein lebender Menschen Zu den we- sentlichen Aufgaben der Generationenhilfe/Nachbarschaftshilfe/Senioren- genossenschaften gehört die Aufrechterhaltung des Kontakts von hilfs- und pflegebedürftigen Menschen mit der Außenwelt. Sie wollen es ihnen ermöglichen, weiterhin am Leben außerhalb der eigenen Wohnung teil- zuhaben. Vor allem für die alleine Lebenden ist diese Kontaktaufnahme und -pflege oft die einzige Möglichkeit der Kommunikation. Es ist unbestritten, dass solche Kontakte zu anderen Menschen nicht nur die seelische, sondern auch die körperliche Gesundheit fördern.

So betrachtet, hat das Tätigsein der Generationenhilfen/Nachbarschaftshilfen/Seniorengenos- senschaften für die Gesellschaft eine Bedeutung, deren Wert nicht hoch genug angesetzt werden kann.

 

Projekte und Initiativen im Vogelsbergkreis

 

Aktive Generationenhilfe-/Nachbarschaftshilfe-Vereine

 

Nachbarschaftshilfe über Familienzentren/Generationenhäuser

 

Generationenhilfe-/Nachbarschaftshilfe-Projekte in Gründung
 

 

Alternative Wohnformen im Vogelsbergkreis

 

 

Nachbarschaftshilfe-Projekte reichen nicht aus

Für Nachbarschafts- bzw. Generationenhilfe-Projekte wird häufig mit dem Argument geworben, dass dank ihres Einsatzes das Ziel verwirklicht werden könne, die Älteren möglichst lange in ihrer ver-trauten Umgebung zu belassen und ihnen einen vorzeitigen Umzug in ein Pflegeheim zu ersparen. Es ist unübersehbar, dass die Politik die Nachbarschaftshilfe-Idee auch deshalb fördert, weil man von einer Ausweitung des ehrenamtlichen Engagements in der häuslichen Betreuung eine Kosten-entlastung erwartet. Der demografische Wandel bereitet große Sorgen. Woher das Geld, die Heim-plätze und das Fachpersonal nehmen, um das unaufhaltsame Millionenheer der Hochbetagten menschenwürdig zu versorgen? Da kommen doch "gute Nachbarn" wie gerufen, um die sich abzeichnende "Versorgungslücke" schließen zu helfen, ähnlich wie dies Millionen pflegender Angehöriger bereits tun.  

Entsprechend hoch waren da wohl die Erwartungen der Hessischen Landesregierung, die gleich einmal ein Modellprojekt "Aufbau von Senioren- und Generationenhilfen" auflegte, deren Ziel es sein sollte, "das Angebot der Senioren- und Generationenhilfen auszubauen, die Einrichtung neuer Projekte zu begleiten und die im Modellprojekt erzielten Erfahrungen auch weiteren interessierten Kommunen zugänglich zu machen." 280.000 Euro wurden hier investiert. Die Ergebnisse wurden 2015 in einem Bericht Ergebnisse und Erfahrungen zusammengefasst, der sich schön liest, aber wichtige Fragen nicht beantwortet. 

So wird zwar apodiktisch festgestellt:

"Diejenigen, die Hilfen im Alltag benötigen, finden diese – alltagsorientiert, niedrigschwellig, auf ehrenamtlicher Basis, manchmal gegen ein geringes Entgelt. Es ist so möglich, auch bei altersbedingten Einschränkungen selbstbestimmt und möglichst selbstständig zu Hause leben zu können."

Doch fehlt die kritisch-distanzierte Einschätzung, ob wirklich diejenigen Alltagshilfen zur Verfügung gestellt werden, die es eingeschränkt selbständigen Senioren ermöglichen, weiterhin ein selbst-bestimmtes Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu führen. Dargestellt wird die Arbeit der Projektbeteiligten nur in Form von Selbstbeschreibungen. Die häufigen Klagen über eine geringe Resonanz seitens der potenziell Hilfsbedürftigen und etliche Hinweise darauf, dass bevorzugt nur ganz wenige Leistungen (vor allem Fahrdienste!) in Anspruch genommen werden, deuten darauf hin, dass  

Es ist kein Zufall, dass ambulante Pflegedienste von kirchlichen Einrichtungen bis zu privaten Gewerbetreibenden  den Bereich "Alltagshilfen" oder "haushaltsnahe Dienstleistungen" immer häu-figer in das eigene Standardangebot aufnehmen. Hier herrscht offensichtlich ein großer Bedarf, der aber von Generationenhilfe- oder Nachbarschaftshilfe-Vereinen nicht abgedeckt werden kann; und zwar weder im Sinne eines flächendeckenden Angebots noch mit der erforderlichen Qualität, Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit.  

Betrachtet man einmal die Verhältnisse im Vogelsbergkreis, so wurden in den 10 Städten und 9 Gemeinden des Kreisgebiets mit insgesamt 186 Ortschaften innerhalb von 20 Jahren gerade 8 Nachbarschaftshilfe-Projekte auf den Weg gebracht. Bis jeder Vogelsberg-Ort seinen eigenen Nach-barschaftshilfe-Verein hätte, brauchte man bei unveränderter Entwicklung noch über 500 Jahre. Es liegt auf der Hand, dass dies keine realistische Option für eine flächendeckende Versorgung in überschaubarem Zeitrahmen ist.

Wenig ermutigend ist aber auch der Blick auf das Angebot von Alltagshilfen/haushaltsnahen Dienstleistungen, das über die kommunalen, kirchlichen und privatwirtschaftlichen Pflegedienste im Vogelsbergkreis abrufbar ist. Ein solches Angebot besteht in den meisten Städten und Gemeinden des Vogelsbergkreises nicht (vgl. http://generationenhilfevogelsbergkreis.npage.de/ alltagshilfeueber pflegedienste.html). Das ganze Gerede von der Möglichkeit, dass Senioren auch bei nachlassenden Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung in ihrer gewohnten Umgebung, sprich: ihren Häusern und Wohnungen, bleiben können, ist damit erst einmal Makulatur. Wer allein nicht mehr zurecht kommt, verwahrlost still vor sich hin oder muss eben ins Pflegeheim!

Weitere Beiträge zum Thema:

https://www.freitag.de/autoren/ulrich-lange/bedrueckende-betreuungsluecke

https://www.freitag.de/autoren/ulrich-lange/seniorenbetreuung-zwischen-markt-und-luecke

Dass eine derart eklatante Versorgungslücke offensichtlich gar nicht wahrgenommen geschweige geschlossen wird, ist nur schwer verständlich. Politik und Verwaltung fehlt es in diesem Bereich offenbar an Problembewustsein. Es ist ähnlich wie bei pflegenden Angehörigen oder erzieherisch überforderten Eltern. Der Ulrichsteiner Notarzt Falk Stirkat scheibt in seinem Buch "Ich kam, sah und inturbierte":

"Menschen fallen aus dem Raster". Kinder würden vernachlässigt, ältere Menschen abgeschoben oder ganze Familien in der Pflege an ihre Grenzen gebracht."

Deshalb wären - um die Belange älterer Menschen wirkungsvoller zur Geltung zu bringen - aktive Seniorenbeiräte so wichtig, und zwar demokratisch gewählte! Dazu müsste allerdings erst einmal die Bereitschaft bestehen, sie überall einzurichten. Dies ist bei 9 von 19 Städten und Gemeinden des Vogelsbergkreises nicht der Fall. Und von den Bürgern 60+ in Urwahl bestimmte Inter-essenvertreter gibt es in den restlichen Zehn auch nur wenige. Deshalb war bisher auch der Kreisseniorenbeirat eher eine Alibiveranstaltung als eine echte Interessenvertretung der Senioren, denn er brachte nicht etwa die allseits bekannten Betreuungsdefizite oder andere Fragen der Daseinsvorsorge zur Sprache, die seit langem auf angemessene Lösungen warten, sondern diente vor allem als Forum für die Selbstdarstellung der Kreispolitiker. Nach seiner Neuorganisation im Zuge der Kommunalwahl 2016 wird sich das hoffentlich ändern.

U. Lange